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Von Burgen, Schlössern und dem achten Weltwunder

Europa Märchenhaft, prachtvoll, majestätisch – ein Schloss ist und bleibt das Sinnbild für Adel. Um eine ehemalige Adelsresidenz zu besuchen, braucht man nicht nach Versailles zu reisen. Wenige Autostunden von der Schweiz entfernt befindet sich ein Mekka für alle, die Geschichte, Kultur und Schönheit in einem suchen.

Matthias Mehl

Wenn alles schon längst vergessen ist, ragen sie, die letzten Wahrzeichen bemerkenswerter Dynastien, empor. Beim Anblick von Burgen und Schlössern schwelgen wir in märchenhaften Fantasien von Rittern, Prinzessinnen, Königen, prunkvollen Tischgedecken und verschnörkelten Stuckaturarbeiten. Was an einen Disney-Film erinnert, war zu Beginn der Neuzeit in Europa Realität. Denn dann begann die Geschichte des europäischen Schlossbaus. Durch die Erfindung von immer wirksameren Feuerwaffen verloren die Burgen ihre schützende Funktion. Aus diesem Grund wurden die Bauten zu repräsentativen Wohnsitzen umgestaltet. Heute sind diese ehemaligen Herrschaftssitze beliebte Touristenattraktionen. Denn nirgendwo anders wird Geschichte und Kultur so anschaulich und packend vermittelt wie in den Bauten selbst.

Mehr als nur ein Besuch

Alleine in Deutschland sind schätzungsweise über 20 000 kulturhistorische Sehenswürdigkeiten erhalten geblieben. Ein Teil davon befindet sich im Bundesland Baden-Württemberg. Territoriale Konflikte wie der Bauernkrieg, der Dreissigjährige Krieg oder der Pfälzische Erbfolgekrieg haben tiefe Spuren hinterlassen. Zahlreiche Burgen, Schlösser und Gärten wurden ganz oder teilweise zerstört, andere sind von den Konflikten verschont geblieben. Auch zahlreiche neue repräsentative Residenzanlagen mit weitläufigen Schlossgärten wurden in Baden-Württemberg nach 1700 errichtet. Eines haben sie gemeinsam: Sie alle sind heute für Besucher zugänglich und können besichtigt werden. Auf der Website schloesser-und-gaerten.de ist ein Verzeichnis dieser Bauten zu finden. Angeboten werden nicht nur Besichtigungen, sondern regelrechte Erkundungstouren. So können Besucher beispielsweise an Sonderführungen mit thematischen Schwerpunkten teilnehmen, etwa an einer Kostümführung durch die weltweit grösste Sammlung barocker Prunkschlitten, eine Führung zum Thema Zerstörung und Wiederaufbau des Schlosses oder zur Medizin und Hygiene im Barock. Die Besucher werden aber auch zum Beispiel durch historische Inszenierungen, mit altertümlich verkleideten Schaustellern in die Vergangenheit zurückversetzt. Zudem kommt, dass fast alle Schlösser für Anlässe gemietet werden können.

Andrang aus der ganzen Welt

Eines der schönsten Schlösser Baden-Württembergs ist das Residenzschloss Rastatt – ein barockes Juwel. Es ist die früheste Barockresidenz am Oberrhein. Mit dem Ensemble aus dreiflügeligem Schlossbau, Garten und regelmässig geplanter Stadt orientierte sich der Erbauer am Schloss Versailles. Leicht erhöht liegt die imposante Schlossanlage über der Stadt. Hoch oben auf dem Dach leuchtet die goldene Figur des Jupiters, im Volksmund der «Goldene Mann» genannt. Sie symbolisiert den Erbauer des Schlosses: Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden. Als erster der Fürsten am Oberrhein hatte er im Jahr 1699 entschieden, statt seines schon begonnenen Jagdschlosses eine moderne barocke Residenz zu bauen.

Ein weiteres Highlight ist das Kloster Maulbronn. Es gilt als die am vollständigsten erhaltene mittelalterliche Klosteranlage der Zisterzienser nördlich der Alpen. Dieser Erhaltung verdankt es die Auszeichnung als Weltkulturerbe der UNESCO. Einzigartig sind die fast 900 Jahre alten Portaltüren der Klosterkirche. Die Vorhalle der Klosterkirche, auch Paradies genannt, ist ein architektonisches Meisterwerk. Bis heute ist allerdings unbekannt, wer der Baumeister dessen war.

Der absolute Glanzpunkt ist jedoch das Schloss Heidelberg. Die bekannteste Schlossruine der Welt ist seit dem 19. Jahrhundert der Inbegriff deutscher Romantik für Touristen weltweit. Zu einem Besuch gehört auf jeden Fall ein Spaziergang im romantischen Schlossgarten, dem einst berühmten Hortus Palatinus. Er war ein einmaliges Gesamtkunstwerk. Auf unterschiedlich hohen Terrassen bezauberten Grotten, kunstvolle Beete und intime Gartenkabinette die höfische Gesellschaft. Zeitgenossen rühmten die repräsentative Gartenanlage sogar als «achtes Weltwunder».

Wenn man einmal genug hat vom Adel

Wer nach Baden-Württemberg geht, der tut dies jedoch nicht nur wegen den wunderbaren, historischen Stätten. Denn mit seinen über 40 Millionen Übernachtungen jährlich ist es das zweitwichtigste deutsche Reiseland.

Stuttgart etwa gilt als «der Schwaben Paradies», wovon bereits der Literat Eduard Mörike schwärmte. Auch heute ist Stuttgart trotz Bombenangriffen und starker Zerstörung im zweiten Weltkrieg voller architektonischer Schmuckstücke.

Ein neueres davon ist das Porsche Museum. Getragen wird es von lediglich drei V-förmigen Säulen und strahlt Eleganz und Gradlinigkeit aus. Der dominante Hauptkörper des Museums scheint wie ein Monolith hoch über dem Boden zu schweben. Und bei den ausgestellten Fahrzeugen zieht die Eleganz wie ein roter Faden weiter. Mehr als 80 Fahrzeuge und zahlreiche Kleinexponate werden in einer einzigartigen Atmosphäre präsentiert. Das Gesamtpaket aus atemberaubender Architektur und weltberühmten Fahrzeugen macht einen Museumsbesuch zu einem Muss.

Auch die ehemalige Reichsstadt Ulm bietet eine Vielzahl historischer Sehenswürdigkeiten. Allen voran das berühmte gotische Ulmer Münster, mit dem höchsten Kirchturm der Welt. Das restaurierte Altstadtviertel «Auf dem Kreuz» ist geprägt durch kleine Gassen, Brücken und liebevolle Dekoration der Bewohner und ist ein Muss für jeden Ulm-Besucher.

Von einer perfekten Lage profitiert Karlsruhe. Die Stadt liegt in der oberrheinischen Tiefebene in der Nachbarschaft vom Schwarzwald, Vorderpfalz, dem Elsass und Vogesen. Wegen der zentralen Lage der Regionen mit einem hohen Freizeit- und Tourismus-Wert zieht Karlsruhe Besucher, ob Naturfreund oder Shopping-Queen, gleichermassen an.